Gefühle rund ums Muttersein mit Bildern ausdrücken

5. Januar 2021

Als selbständige Hebamme begleitet Nathalie Hofer Frauen in und nach der Schwangerschaft. Die ambivalenten Gefühle, die mit der Entstehung neuen Lebens verbunden sind, lassen sich nicht immer in Worte fassen. Nathalie Hofer setzt deshalb in der Geburtshilfe vermehrt auf Bilder und Symbole. Eine von vielen Methoden, die sie in ihrer Weiterbildung kennengelernt hat.

Von Ursula Ammann

Auf dem Tisch in Nathalie Hofers Hebammenpraxis stapeln sich bunte Karten. Einige sind mit liebevoll illustrierten, Mut spendenden Sprüchen versehen, andere zeigen kleine Monster, die mal zufrieden, mal traurig, mal wütend dreinschauen. Diese Karten sind nicht für eine lockere Spielrunde zwischendurch gedacht. Im Gegenteil: Sie kommen mitten im Ernst des Lebens zum Einsatz. Dann, wenn es um neues Leben geht.

Nathalie Hofer ist selbständige Hebamme. Sie begleitet Schwangere und Wöchnerinnen. Zu ihr in die Praxis kommen Frauen nicht nur zur Schwangerschaftskontrolle oder Geburtsvorbereitung, sondern auch, wenn sie etwas aufarbeiten möchten: ob eine Fehlgeburt oder eine andere negative Erfahrung. Als Hebamme sei man nebst schönen Momenten auch ständig mit Krisen konfrontiert, sagt Nathalie Hofer. Bei der Beratung erfordere das oft einen anderen Zugang. «Gefühle rund um die Geburt sind schwer fassbar», sagt sie. In dieser sensiblen Phase können Bilder und Symbole ein Türöffner sein. Deshalb arbeitet sie vermehrt damit. «Besonders bei Trauer um den Verlust eines Kindes helfen Worte alleine oft nicht weiter», erklärt die Hebamme.

Mehr Sicherheit in schwierigen Beratungsmomenten

Auch zu Frauen, die Mühe haben, sich auf Deutsch auszudrücken, können Bilder den Zugang erleichtern. Sie dienen als gemeinsame Sprache.  Nathalie Hofer hält eine Karte mit einem verängstigt blickenden «Gefühlsmonster» in die Luft: «Bei diesem Gesichtsausdruck verstehen alle sofort, was gemeint ist», betont sie. Wenn einer Frau die Worte fehlen, ihre Situation zu beschreiben, kann sie anhand einer oder mehrerer Karten mitteilen, was in ihr vorgeht und was sie möglicherweise belastet. Manche schätzen diese Art der Kommunikation, anderen sagt sie weniger zu. «Man merkt jeweils schnell, ob sich jemand darauf einlässt oder nicht», so Nathalie Hofer. Dementsprechend gestaltet sie ihre Beratung.

Nathalie Hofer hat berufsbegleitend den MAS in Psychosozialer Beratung absolviert. Dort hat sie eine Vielzahl von Methoden kennengelernt, die weiterhelfen, wenn die verbale Sprache nicht ausreicht: Dazu gehören gestalterische Mittel wie Spielfiguren, Symbole, Karten und Malkästen, mit denen das Gegenüber die eigene Situation auch ohne Worte sichtbar machen kann. «Ich schätze es sehr, einen solchen Werkzeugkasten bekommen zu haben», sagt Nathalie Hofer. «Damit fühle ich mich in schwierigeren Beratungsmomenten auch sicherer.» Überhaupt habe ihr die Weiterbildung viel frischen Wind für ihre Selbständigkeit gegeben.

Ein eigenes Kartenset konzipiert

Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat Nathalie Hofer ein Set aus 25 Karten entworfen und bebildern lassen. Jede Karte steht für eine bestimmte Rolle rund ums Mutter sein – zum Beispiel für die «Erschöpfte» oder die «Alleskönnerin». Konzipiert hat sie das Set speziell für Frauen während der Zeit nach der Geburt. Ziel ist es, deren Selbstfürsorge zu stärken. «Wöchnerinnen nehmen sich oft selbst nicht mehr richtig wahr», sagt die Hebamme. Die Karten sollen dabei helfen, Bedürfnisse und Gefühle zu erkennen und diese zu akzeptieren. Es gelte dabei, den Frauen zu vermitteln, dass es in Ordnung sei, sich durch das Kind auch mal genervt und gestresst zu fühlen. Der nächste Schritt bestehe darin, mit ihnen zu erörtern, wie sie Raum für eigene Bedürfnisse schaffen können und trotzdem für eine sichere Bindung des Kindes sorgen können. In Zukunft möchte sich Nathalie Hofer noch mehr auf die Beratungstätigkeit konzentrieren. Einige Frauen suchen sie schon jetzt aufgrund ihrer Weiterbildungen gezielt für Beratungsgespräche auf.