Pflegende Angehörige im Betreuungsalltag beraten und entlasten

20. Oktober 2022

Die Diagnose Demenz bedeutet für die Betroffenen selbst, aber auch für deren Umfeld einschneidende Veränderungen. Denn am Anfang sind es oftmals ausschliesslich die Angehörigen, die ihre Nächsten pflegen. Das kann zu einer grossen Belastung und zu einem Gefühl der Ohnmacht führen. Ingrid Praschil, Fachverantwortliche Demenz bei der Familienhilfe Liechtenstein, hat im Rahmen ihrer Weiterbildung an der OST eine Fallstudie ausgearbeitet. Diese zeigt anhand eines konkreten Beispiels auf, wie pflegende Angehörige nachhaltig unterstützt werden können.  

Von Ursula Ammann

Als ihr Mann an Alzheimer erkrankt, stösst Frau I. zunehmend an die Grenzen der Belastbarkeit. Die Betreuungsarbeit, die sie nebst Beruf und Haushalt leistet, verlangt ihr viel ab. Persönliche Freiräume und Schlaf sind Mangelware. Frau I. ist erschöpft und chronisch übermüdet, auch wenn sie die Herausforderungen von aussen gesehen gut zu meistern scheint. So wie ihr geht es vielen, die sich um die Pflege eines Menschen mit Demenz im nahen Umfeld kümmern.

«Pflegende Angehörige befinden sich in einer Ausnahmesituation, die Lebensplanung ist auf den Kopf gestellt», sagt Ingrid Praschil, Fachverantwortliche Demenz bei der Familienhilfe Liechtenstein (FHL). Ihre Organisation unterstützt sowohl die Betroffenen in ihrer Alltagsbewältigung als auch die Angehörigen im Betreuungsalltag. Auch Frau I. und ihre Familie nehmen die Hilfe der FHL inzwischen in Anspruch.

Belastungsfaktoren erfasst durch Gespräche und Beobachtungen

Im Rahmen des CAS Lebensweltorientierte Demenzpflege an der OST – Ostschweizer Fachhochschule hat Ingrid Praschil eine Fallstudie für eine «Zugehende Beratung im häuslichen Pflegesetting zur Entlastung der pflegenden Ehefrau» ausgearbeitet. Ziel ist es, Frau I. dabei zu unterstützen, Bewältigungsstrategien für herausfordernde Situationen zu entwickeln. Zuerst hat die Weiterbildungsabsolventin anhand eines Interviews mit Frau I. die Belastungsfaktoren eruiert. Danach haben sie und ihr Team die Familiensituation und das Umfeld systemisch aufgezeichnet, um personelle und fachliche Ressourcen zu erfassen. Schliesslich wurden die Ergebnisse in einem Geno- & Ökogramm grafisch dargestellt.

«Manchmal öffnet es schon Türen, sich den pflegenden Angehörigen zuzuwenden und deren Leistungen anzuerkennen.»

Ingrid Praschil, Fachverantwortliche Demenz bei der Familienhilfe Liechtenstein (FHL), Absolventin CAS Lebensweltorientierte Demenzpflege, OST – Ostschweizer Fachhochschule

«Erste Interventionen ergaben sich aus den bereits erfassten Belastungssituationen, weitere kamen durch Fremdbeobachtung durch unser Team, das fünf Vormittage in der Woche für die Betreuung des erkrankten Ehemanns vor Ort war, zustande», erklärt Ingrid Praschil, die täglich Berührungspunkte zu Menschen mit Demenz in deren häuslichem Umfeld hat. «Dadurch konnten wir zusätzliche Belastungen erkennen wie beispielsweise dysfunktionale Kommunikationsmuster und Verhaltensweisen aufgrund eines fehlenden Krankheitsverständnisses.»

Hilfe anzunehmen, fällt oft schwer

Die Fallstudie zeigt konkrete Interventionsmassnahmen und Lösungsansätze auf, um Frau I. dabei zu unterstützen, den Alltag besser zu bewältigen. «Manchmal öffnet es schon Türen, sich den pflegenden Angehörigen zuzuwenden und deren Leistungen anzuerkennen», sagt Ingrid Praschil. Deshalb besteht ein wichtiger Punkt in der Zuwendung und wertschätzenden Haltung. Eine weitere Massnahme ist die Sensibilisierung für Auszeiten und Selbstsorge. Auch das Visualisieren der Stärken in der Familie mittels Geno- und Ökogramm hat sich als hilfreich erwiesen. Ebenso das Anbieten von Informationen, Broschüren und Materialien bei krankheitsbedingten Fragen. Von Bedeutung ist zudem, alltägliche Situationen, die bei Frau I. starke, unangenehme Gefühle auslösen, mit ihr gemeinsam zu reflektieren und so eine Stabilisierung auf emotionaler Ebene zu bewirken. Ein zentraler Punkt ist nicht zuletzt auch die Abklärung zum Ausbau von zusätzlichen Entlastungsdiensten.

Für pflegende Angehörige bedeute es oft eine Hürde, überhaupt Hilfe anzunehmen, sagt Ingrid Praschil. Meist sei der Druck schon sehr gross, ehe Unterstützung zugelassen werde. «Pflegende Angehörige haben das Gefühl, dass sie es aus eigener Kraft nicht oder nicht mehr schaffen. Sie haben Angst, versagt zu haben», erklärt sie. Ein Zugang entstehe mehr aus Zufall und sei anfänglich nur unterschwellig möglich. «Kontinuierliche Begleitung und Beratung schafft dann das notwendige Vertrauen, Hilfestellung anzunehmen.»

Stabstelle Demenz eingerichtet

Die Fallstudie bewirkte bei Frau I. und ihrer Familie eine Entlastung, ein Gefühl der Sicherheit und eine bessere Akzeptanz der Krankheit. So half es den Angehörigen beispielsweise sehr, einen Überblick über vorhandene und ausbaufähige Ressourcen und Entlastungsangebote zu gewinnen. Ebenso schätzten sie die organisatorische Hilfe und das Anbieten von Orientierung im Dschungel der Hilfsangebote. Schmerzhafte Emotionen konnten in einer therapeutischen Auseinandersetzung abgefangen werden. Alle Massnahmen, kombiniert mit einer Stabilisierung auf emotionaler Ebene, führten zu einer neuen Sichtweise, die sich positiv auf das Verhalten der pflegenden Angehörigen auswirkte. Dadurch wiederum kam es zu einem Perspektivenwechsel bei Problemen und zu neuen Lösungsansätzen, die von der ganzen Familie mitgetragen wurden.

Ingrid Praschil berät die Frau I. und ihre Familie nach wie vor. Auch für ihre eigene Berufspraxis habe die Fallstudie einen grossen Nutzen gehabt, sagt sie. So verfüge die Familienhilfe Liechtenstein nun seit Januar 2022 über eine Stabstelle Demenz. «Es geht darum, den Betreuungsprozess zu optimieren. Dazu gehört die Umsetzung der Personzentrierung im Umgang mit Menschen mit Demenz im häuslichen Pflegesetting.» Darüber hinaus berate und begleite die FHL An- und Zugehörige in diesem Prozess. «Als Fachverantwortliche Demenz darf ich diese schöne und anspruchsvolle Aufgabe umsetzen.»

Haben Sie Fragen oder wünschen Sie weitere Informationen? Dann können Sie mit Ingrid Praschil per Mail Kontakt aufnehmen (ingrid.praschil@ipr.li).