«Lange Anfahrtszeiten können lebensbedrohlich sein»

10. April 2025

Das Schweizer Gesundheitssystem gehört zu den teuersten der Welt. Trotzdem gilt nach wie vor der kantonale Grundsatz: «Jedem Täli, sein Spitäli». Ist eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung in ländlichen und alpinen Gebieten wirklich notwendig? Die Masterarbeit von Prisca Giovanoli zeigt: Sie ist sogar unverzichtbar. Die Vizedirektorin eines abgelegenen Gesundheitszentrums in Graubünden und Absolventin des MAS Health Service Management an der OST – Ostschweizer Fachhochschule erklärt im Interview, welche Probleme Gesundheitsinstitutionen in diesen Regionen plagen, warum eine Zentralisierung zu noch höheren Kosten führen könnte und welche Massnahmen zu Verbesserungen führen würden.

Interview:

Sie sind Vizedirektorin des Centro Sanitario Bregaglia, einer alpinen und abgelegenen Gesundheitseinrichtung im Bergell, Graubünden. Welche persönlichen Erfahrungen machen Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit in Bezug auf die wohnortnahe Gesundheitsversorgung?

Prisca Giovanoli: Unsere Patientinnen und Patienten schätzen die persönliche und kontinuierliche Betreuung durch ihre Hausärztinnen und -ärzte sehr. Besonders für ältere und chronisch kranke Menschen sind regelmässige Sprechstunden mit Fachärztinnen und -ärzten für eine spezialisierte medizinische Versorgung wichtig. Unsere Einrichtung reduziert lange Anfahrtswege und gewährleistet damit eine schnelle Verfügbarkeit der Notfallversorgung.

Was sind die spezifischen Probleme der Gesundheitsversorgung in abgelegenen Gebieten?

Es gibt verschiedene Probleme, die strukturelle, wirtschaftliche und demografische Aspekte betreffen. Die Bevölkerung hat Schwierigkeiten, die Gesundheitsversorgung überhaupt zu erreichen. Sie legen grosse Distanzen zu spezialisierten Gesundheitsdiensten zurück und die Notfallversorgung ist durch lange Anfahrtszeiten und die Luftrettung erschwert. Der Fachkräftemangel bei medizinischem Personal stellt ein grosses Problem dar und wird durch den demografischen Wandel zusätzlich verstärkt. Die Überalterung der Bevölkerung erhöht die Nachfrage nach Langzeitpflege, während durch die Abwanderung der jungen Menschen die wirtschaftliche Basis für die Gesundheitsinfrastruktur fehlt. Zudem stehen die Gesundheitseinrichtungen vor finanziellen Herausforderungen wie steigenden Betriebskosten. Eine Modernisierung der medizinischen und digitalen Infrastruktur ist daher schwierig umzusetzen und die Sicherung der Grundversorgung ist von staatlichen Subventionen abhängig.

«Eine Gesundheitsversorgung in abgelegenen Regionen ist unverzichtbar, weil sie die grundlegende medizinische Betreuung sicherstellt, soziale Gerechtigkeit fördert und die Gesundheit der Bevölkerung langfristig erhält. Sie ist kein Luxus, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.»

Prisca Giovanoli
Absolventin des MAS Health Service Management an der OST – Ostschweizer Fachhochschule und Vizedirektorin des Centro Sanitario Bregaglia

Wo sehen Sie persönlich die grösste Herausforderung?

Definitiv im Fachkräftemangel. Es gibt nur wenige Ärztinnen und Ärzte, insbesondere Haus- und Fachärztinnen und -ärzte, die bereit sind, in ländlichen Regionen zu arbeiten. Die Anreize fehlen: Die Karrieremöglichkeiten und Löhne sind in der Regel schlechter als in der Stadt. Sorgen bereitet mir auch, dass die Politik aufgrund steigender Gesundheitskosten zunehmend auf Kosteneffizienz und Rentabilität achtet. Viele Gesundheitsinstitutionen in ländlichen Regionen sind finanziell nicht rentabel, was zur Schliessung von Gesundheitszentren führen könnte. Wenn politische Entscheidungen stärker auf urbane Regionen ausgerichtet werden, führt dies zu fehlenden Investitionsmöglichkeiten und zu einem schleichenden Rückbau der dezentralen Versorgung.

In Ihrer Masterarbeit argumentieren Sie, dass diese dezentrale Gesundheitsversorgung unverzichtbar ist. Warum?

Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist ein Grundrecht, das der Staat für alle Bürgerinnen und Bürger sicherstellen muss – auch wenn es wirtschaftlich nicht rentabel ist. Denn der rasche Zugang zu Gesundheitsinstitutionen in abgelegenen Regionen kann über Leben und Tod entscheiden. Lange Anfahrtszeiten können lebensbedrohlich sein. Darüber hinaus schaffen Gesundheitsinstitutionen Arbeitsplätze, stabilisieren damit die lokale Wirtschaft und fördern den Erhalt anderer Wirtschaftszweige wie zum Beispiel den Tourismus. Zusammenfassend ist eine Gesundheitsversorgung in abgelegenen Regionen unverzichtbar, weil sie die grundlegende medizinische Betreuung sicherstellt, soziale Gerechtigkeit fördert und die Gesundheit der Bevölkerung langfristig erhält. Sie ist kein Luxus, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit.

Ist dies vor dem Hintergrund des immer teurer werdenden Schweizer Gesundheitssystems noch vertretbar?

Eine zentrale Gesundheitsversorgung kann die Bedürfnisse in abgelegenen Regionen nicht abdecken. Eine Zentralisierung könnte zwar kurzfristig die Kosten senken, birgt aber das Risiko längerer Anfahrtswege, überlasteter Zentralkliniken und eines Qualitätsverlusts in der regionalen Versorgung. Dies hätte gravierende Folgen für die betroffenen Menschen und könnte sogar zu höheren Kosten für das Gesundheitssystem führen. Statt eines radikalen Abbaus von Spitalstandorten, der mit dem Vorwurf «Jedem Täli, sein Spitäli» einher geht, sollte die Debatte verstärkt auf Effizienzsteigerung, Spezialisierung und digitale Vernetzung abzielen.

Die Versorgung der Bevölkerung im ländlichen Raum ist aber pro Kopf deutlich teurer, wenn auch nur annähernd gleiche Versorgungsbedingungen wie in den Städten geschaffen werden sollen. Der Konflikt zwischen Gerechtigkeit (gleichwertige Lebensverhältnisse) und Effizienz (gleiche Versorgungskosten pro Kopf) ist kaum aufzulösen. Wie sehen Sie dieses Dilemma?

Die Behauptung, dass die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum pro Kopf zwangsläufig teurer ist, basiert auf der Annahme, dass überall die gleichen Versorgungsstrukturen geschaffen werden müssen. Doch nicht jede Region benötigt ein vollständiges Spital mit umfassender Spezialversorgung. Das entspricht auch nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung. Vielmehr braucht es ein differenziertes, hybrides Modell, um Effizienz und Versorgungsgerechtigkeit in Einklang zu bringen.

Wie könnte ein solches hybrides Modell aussehen?

In ländlichen Gebieten sollte der Fokus auf einer starken Primärversorgung durch Hausärztinnen und -ärzte, regionale Gesundheitszentren und ambulante Dienste liegen. Diese gewährleisten eine wohnortnahe medizinische Betreuung für den Grossteil der Gesundheitsanliegen und reduzieren unnötige Spitaleinweisungen.

Für hochspezialisierte Eingriffe oder komplexe Behandlungen ist eine Konzentration in gut erreichbaren Schwerpunktspitälern sinnvoll. Solche Zentren bieten nicht nur eine höhere Behandlungsqualität durch Spezialisierung, sondern auch Effizienzgewinne, da selten benötigte medizinische Expertise nicht in jedem einzelnen ländlichen Spital vorgehalten werden muss.

Die vorher erwähnten Kosten pro Kopf sind ausserdem nicht ausschliesslich eine Folge der geografischen Lage, sondern auch von der Art und Organisation der Versorgung. Regionale Gesundheitszentren, Gruppenpraxen und mobile Versorgungseinheiten können ländliche Regionen effizienter abdecken, ohne die Kosten übermässig in die Höhe zu treiben. Zudem können präventive Massnahmen und eine bessere Koordination der Behandlungswege unnötige Spitalaufenthalte reduzieren und damit die Gesamtkosten senken.

Konnten Sie in Ihrer Masterarbeit weitere Empfehlungen für die Verbesserung der regionalen, wohnortnahen Gesundheitsversorgung identifizieren?

Ja, ich sehe grosses Potenzial im Einsatz digitaler Lösungen. Dazu gehört zum Beispiel ein effizientes elektronisches Gesundheitssystem mit einem effizienten elektronischen Patientendossier. Zudem kann die Nutzung von Künstlicher Intelligenz die Frühdiagnostik und die Fernüberwachung wichtiger Vitalparameter wie Blutdruck oder Puls vereinfachen. Digitale Angebote können den Zugang zu spezialisierten medizinischen Beratungen durch Fachärztinnen und -ärzte erleichtern, sodass nicht jeder Fall eine weite Anreise erfordert. Damit einher geht die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Vorteile dieser digitalen Gesundheitsangebote sowie eine generelle Förderung der Gesundheitskompetenzen durch Informationsveranstaltungen.

Im internationalen Vergleich erweisen sich öffentlich-private Partnerschaften, auch Public Private Partnerships genannt, als vielversprechend für eine nachhaltige Finanzierung. Dabei handelt es sich um vertraglich geregelte Kooperationen zwischen Staat, privaten oder öffentlichen Gesundheitsanbietern und Versicherungen. Sie könnten helfen, neue Versorgungsmodelle in ländlichen Regionen zu etablieren.

MAS Health Service Management

Wer im Gesundheitswesen erfolgreich managen will, muss den Umgang mit den typischen Spannungsfeldern beherrschen. Gesundheitsökonomie, Politik/Recht sowie Profession bestimmen das «magische» Spannungsdreieck und das Management-Handeln massgeblich. Der MAS Health Service Management zeichnet sich dadurch aus, dass die divergenten «Welten» in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden.