Aus 10 mach 39 – Die Zollpolitik der USA und ihre Folgen

18. September 2025

Seit dem 7. August 2025 erheben die USA 39 % Zölle auf Schweizer Produkte. Diese markante Erhöhung kam unerwartet, doch was genau bedeutet sie für die Schweizer Wirtschaft? Im Interview erklärt Urs Mauchle, Dozent für Volkswirtschaft und Systemisches Management im Departement Wirtschaft an der OST – Ostschweizer Fachhochschule, was die Motive hinter einer solchen Zollpolitik sein können, welche Veränderungen bereits heute zu spüren sind und mit welchen Entwicklungen zu rechnen ist.

Am 7. August 2025 sind die neuen Zölle der USA in Kraft getreten – Schweizer Produkte werden neu mit 39 % besteuert. Weshalb traf es gerade die Schweiz so stark?

Tatsächlich sind uns die realen Motive hinter der neuen Zollpolitik nicht bekannt. US-Präsident Donald Trump begründet seine Zollpolitik damit, dass andere Länder sogenannte unlautere Handelspraktiken wie zu hohe Zölle oder Mehrwertsteuern betreiben und er diesen entgegenwirken wolle. Es ist auch möglich, dass er mit seiner neuen Zollpolitik versucht, Unternehmen dazu zu bewegen, in den USA neue Produktionsstandorte zu eröffnen. Weshalb die Schweiz jedoch stärker betroffen ist als andere Länder, bleibt Spekulation.
Aus wirtschaftlicher Sicht der USA sprechen viele Gründe gegen Strafzölle auf Schweizer Produkte. Schliesslich investieren wir jährlich mehr als 300 Milliarden Franken in die USA, schaffen rund 500 000 Arbeitsplätze durch Schweizer Unternehmen und zahlen unter allen ausländischen Arbeitgebern die höchsten Durchschnittslöhne aus. Wenn wirtschaftliche Fakten bei einer solchen Zollpolitik keine Rolle mehr spielen, wird die Aussenwirtschaft zu einem Mittel, um Macht auszuüben.

Welche Befürchtungen machten sich breit, als die USA die neuen Zusatzzölle bekanntgab?

Zuerst ging die Schweiz davon aus, dass Zusatzzölle in der Höhe von 31 % erhoben werden würden. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass die Zahl sogar noch höher ausfallen würde. Die Befürchtung war und ist nach wie vor, dass dies erheblichen Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft im Allgemeinen und auf die Exportwirtschaft im Besonderen haben wird. Die USA sind unser wichtigster Exportmarkt auf Länderebene – über 6 % der Exporte gehen dorthin. Die neuen Zölle treffen die Wirtschaft stark, zumal viele unserer Mitbewerber deutlich niedrigere Zollsätze haben. Generell lassen sich die Befürchtungen in zwei konkreten Szenarien zusammenfassen: Einerseits könnte es zu einem Einbruch des Wirtschaftswachstums mit der Konsequenz von steigender Arbeitslosigkeit kommen. Andererseits könnte die Teuerung sinken, sodass die Schweizerische Nationalbank (SNB) wieder Negativzinsen einführen müsste.

Nun sind seit den Zollerhöhungen bereits eineinhalb Monate vergangen. Welche dieser ursprünglichen Befürchtungen haben sich bewahrheitet?

Noch ist es zu früh für eine Einschätzung. Zu berücksichtigen ist auch, dass es Güterkategorien gibt, bei denen die Auswirkungen rasch spürbar sind und solche, bei denen allfällige Auswirkungen erst nach längerer Zeit bemerkbar werden. So ist beispielsweise zu lesen, dass der Export von Schweizer Käse in die USA eingebrochen ist. Hier sind die Auswirkungen also sehr rasch spürbar. In anderen Bereichen, wie beispielsweise dem Maschinenbau, werden die Auswirkungen erst mit Verzögerung eintreten. Denn hier bestehen oftmals längerfristige Lieferverträge. Das heisst, bis diese auslaufen, wird die vereinbarte Menge weiterhin exportiert.  

Zusammengefasst ist bislang ungewiss, welche der Befürchtungen sich bewahrheiten werden. Sicher ist nur, dass die Unsicherheiten massiv gestiegen sind. Und Unsicherheit ist Gift für jede langfristige wirtschaftliche Entwicklung.

Urs Mauchle beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Themen rund um
Makroökonomie, Finanzen, Systemdenken und den Interdependenzen zwischen diesen Bereichen. Sein Wissen vermittelt er an der OST – Ostschweizer Fachhochschule als Dozent für Volkswirtschaft und Systemisches Management im Departement Wirtschaft. Neben seiner Tätigkeit in der Lehre engagiert er sich im Weiterbildungsbereich und gehört zum Dozierendenteam für den CAS Betriebswirtschaft. An der Universität St.Gallen promovierte er zum Thema «Neutrality of Money: An Integrative Economic Ethics and Post-Keynesian Perspective”.
Neben seiner Tätigkeit an der OST ist er Verwaltungsrat
und Mitinhaber der Erich Keller AG.

Was hat sich seit den Zollerhöhungen konkret verändert?

Die Zollerhöhungen haben die Rahmenbedingungen für den Schweizer deutlich verändert. Einerseits werden auf Güter, die die USA aus der Schweiz importieren, hohe Zölle erhoben. Zusätzlich dazu hat sich der Schweizer Franken in den letzten Monaten um rund 10% gegenüber dem US-Dollar aufgewertet. Insgesamt sind Schweizer Güter aus US-amerikanischer Sicht also innerhalb kurzer Zeit um etwa 50 % teurer geworden. Damit sind unsere Produkte auch im Vergleich zu europäischen Mitbewerbern erheblich teurer. Unabhängig von der genauen Höhe des Zollsatzes gilt: Eine solche Zollpolitik schwächt den Wirtschaftsstandort Schweiz.

«Sicher ist, dass die Unsicherheiten massiv gestiegen sind. Und Unsicherheit ist Gift für jede langfristige wirtschaftliche Entwicklung.»

Von den Zollerhöhungen ausgeschlossene Produkte
Die Zollerhöhungen der USA auf 39 % gelten nicht für alle Produktkategorien in der Schweiz. Folgende Güter sind aktuell von der starken Zollerhöhung ausgenommen:
Pharmaprodukte
Gold
Edelmetalle

Wen trafen die Zollerhöhungen am härtesten?

Besonders stark betroffen sind KMUs, die ausschliesslich in der Schweiz produzieren. Im Gegensatz zu international aufgestellten Konzernstrukturen haben sie keine Möglichkeit, auf Produktionsstandorte ausserhalb der Schweiz auszuweichen, um die Zölle zu umgehen. Beispielsweise wie das Medizintechnik-Unternehmen Ypsomed, welches seine Waren für den US-amerikanischen Markt künftig in seinem Werk in Deutschland produzieren lassen will. Solche Schachzüge stehen einem KMU kaum zur Verfügung.

Unternehmen, die direkt an die Endkunden in den USA liefern, sind zudem tendenziell stärker betroffen als solche, die «nur» Zwischenprodukte an verarbeitende Betriebe in die USA exportieren. Im ersteren Fall verteuert sich das Produkt für den Endkunden um 39 %, im letzteren Fall ist es tendenziell weniger, da die jeweiligen Zwischenprodukte ja nur einen Anteil des Endprodukts ausmachen.

Für den Bundesrat stand bereits vor der Einführung der definitiven Zollerhöhungen fest, dass die Verhandlungen weitergehen. Kann die Schweiz etwas gegen die neuen Zolltarife unternehmen?

Bekanntlich schliesst US-Präsident Donald Trump gerne die für ihn bestmöglichen Deals ab. Solange wir mit ihm verhandeln, stellt sich daher weniger die Frage, ob die Zölle ökonomisch begründet oder sinnvoll sind, sondern vielmehr, ob die Schweiz etwas anzubieten hat, das Trump interessiert, oder ob wir ein Druckmittel gegen ihn oder die USA haben. Diesbezüglich kursieren bereits erste Ideen, doch bisher wurde weder etwas Konkretes erarbeitet noch verabschiedet. Insgesamt gibt es jedoch nichts schönzureden. Besonders kleine, offene Volkswirtschaften wie die Schweiz haben in diesem Zoll-Spiel mit Donald Trump nur wenige Trümpfe in der Hand.

«Im Vergleich zur Corona-Krise trifft dieser Schock weniger Unternehmen, diese jedoch härter.»

In einigen Berichten liest man von einer bevorstehenden Rezession. Wenn wir einen Blick in die Zukunft wagen: Mit welchen Auswirkungen auf unsere Wirtschaft müssen wir noch rechnen?

Bleibt die aktuelle Situation bestehen, wird dies sicherlich spürbare Auswirkungen auf die Auslastung der Unternehmen und die Beschäftigung haben. Mit einer Rezession ist jedoch nicht zu rechnen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die von den Zöllen betroffenen Handelsströme nur einen geringen Anteil am gesamten Welthandel ausmachen. Zudem erweist sich die Schweizer Wirtschaft bei konjunkturellen Schocks meist als sehr robust.

Sollten die am 7. August 2025 in Kraft getretenen Zölle bestehen bleiben, ist laut einer Schätzung der Konjunktur Forschungsstelle (KOF) der ETH Zürich mit einem deutlich geringeren Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) zu rechnen. Stark davon betroffen wären beispielsweise Unternehmen in der Uhren- und Maschinenindustrie. In diesen Sektoren müssten viele Firmen, die keine sehr hohe Marktmacht haben, ihre Exporte in die USA massiv reduzieren oder sogar ganz einstellen. Auch komplette Marktaustritte wären dann möglich. Dies würde auch bedeuten, dass langfristig Stellen auf dem Arbeitsmarkt verloren gehen. Im Vergleich zur Corona-Krise trifft dieser Schock weniger Unternehmen, diese jedoch härter.

Wie geht es nun weiter?

Eine der grossen Fragen ist, wie es mit der Pharmaindustrie weitergeht. Der US-Präsident hat bereits von 17 Pharmaunternehmen, darunter Roche und Novartis, gefordert, ihre Preise in den USA zu senken. Sollten sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, droht ihnen eine Zollerhöhung von 250 %. Ob Donald Trump diese Drohung wirklich umsetzen würde, ist unklar. Zudem stellt sich die Frage, ob Trumps Regierung von den Gerichten ausgebremst wird. Das US-Berufungsgericht kam bereits jetzt zum Schluss, dass die Zollerhöhungen illegal waren und Trump damit seine Kompetenzen überschritten hat. Welche Folgen dieser Beschluss genau haben wird und ob die Zollerhöhungen rückgängig gemacht werden, ist schwierig vorauszusagen. Ebenso ist offen, wie es für die Schweiz weitergeht und ob sich tatsächlich eine Verhandlungsbasis finden lässt, um den eingeführten Zollhammer zumindest teilweise rückgängig zu machen.

CAS Betriebswirtschaft

Im CAS Betriebswirtschaft erwerben die Teilnehmenden fundierte betriebswirtschaftliche Fach- und Methodenkompetenzen und entwickeln ein vertieftes Verständnis für unternehmerische und gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge. Der Kurs befasst sich mit den wichtigsten Instrumenten, Konzepten und Modellen der strategischen, finanziellen, markt-, prozess- und mitarbeitendenorientierten Unternehmensführung. Die Teilnehmenden setzen sich mit den Schwerpunktthemen «Management und Strategie», «Finanzen», «Führung» und «Volkswirtschaftslehre» auseinander.