Während Mädchen als sorgfältig und fleissig gelten, schreibt man Buben oft eine geringere Aufmerksamkeitsspanne und mehr Impulsivität zu. Sie seien deshalb weniger kompatibel mit dem Schulsystem, heisst es oft. Fest steht: In der Statistik stechen Jungs häufiger durch negatives Verhalten hervor. Doch sind diese Auffälligkeiten tatsächlich naturgegeben oder vielmehr durch Erwartungen von Schule und Gesellschaft sowie durch soziale Bedingungen zu erklären? Kambez Nuri arbeitet mit verhaltensauffälligen Jugendlichen. Er plädiert dafür, Verhaltensweisen nicht auf Geschlecht und Kultur zu reduzieren, sondern vielschichtiger zu betrachten.
Nicht jedes Mädchen kann gut stillsitzen und nicht jeder Junge pfeift auf Musik- oder Sprachunterricht. Dennoch stellen Lehrpersonen oder Schulsozialarbeitende im Schulalltag immer wieder Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest. Dabei wird eines deutlich: Mädchen scheinen mit dem konventionellen Schulsystem besser klarzukommen. Es falle ihnen leichter, ruhig, selbständig und sorgfältig zu arbeiten, heisst es. Buben dagegen sagt man einen stärkeren Bewegungsdrang, mehr Impulsivität und eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne nach. Kurzum: Sie scheinen die Anforderungen des Schulsystems und der darin tätigen Fachpersonen nicht so mühelos zu erfüllen wie Mädchen. Dies wird in globalen Vergleichsstatistiken immer wieder belegt. Darin sind die Jungs häufiger «verhaltensauffällig».
Renommierte Jugendpsychologen und Kinderärzte sprechen sogar von einer Schule, die den Buben nicht gerecht werde. Zu diesem Thema sei ein intensiver Fachdiskurs im Gange, sagt Martina Good, Leiterin des CAS Schulsozialarbeit und des CAS Schulsozialpädagogik an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. «Es gibt noch viele offene Fragen und viel Forschungsbedarf.»
Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und toxischen Männlichkeitsbildern
Doch beruhen die Unterschiede im Verhalten wirklich auf biologischen Unterschieden oder sind sie nicht viel mehr Ausdruck der Erwartungshaltung von Gesellschaft und Schule? Welche Rolle spielen soziale Umstände?
Klar ist: Buben und junge Männer bewegen sich in einem Spannungsfeld, das von der Gesellschaft, dem interdisziplinären Fachdiskurs und den Sozialen Medien mitverursacht wird: Auf der einen stehen die Anforderungen im Schulalltag, ruhig und konzentriert zu sein und dem Gegenüber rücksichtsvoll zu begegnen. Auf der anderen Seite wird von Peergroups und Influencern ein Männlichkeitsideal vermittelt, das andere Vorstellungen propagiert. Männer müssen demnach Härte und Durchsetzungswillen demonstrieren, um Ziele zu erreichen. «Dieses Selbstbild wirkt sich auch auf Beziehungen aus – zu Gleichaltrigen aber auch zu Erwachsenen», sagt Martina Good.
Kambez Nuri vom Mannebüro Züri befasst sich intensiv mit dieser Thematik. Er berät Männer, die durch häusliche Gewalt aufgefallen sind und Jugendliche, die wegen ihres gewalttätigen Verhaltens zu ihm geschickt werden.
«Wir fragen uns immer zuerst, welche Funktion das grenzüberschreitende Verhalten für unsere Klienten erfüllt», sagt Nuri. «Wenn Männer ihre Frauen schlagen, bezweckt das für sie zum Beispiel vordergründig, dass sie sich kurzfristig ihre Macht zurückerobern und Diskussionen ganz einfach beenden können. Und von Jugendlichen, die Gewalt anwenden, hört man oft, dass sie sich in dem Moment als Chef fühlen.»
«Interessant ist, dass viele junge Männer Gewalt anwenden, weil sie versuchen, Männlichkeit herzustellen. Egal ob ein Jugendlicher mit Fluchterfahrung oder ein Schweizer Gymischüler. Dieses <männliche Verhalten> ist oft eine Strategie zur Kompensation von Unsicherheit, Scham und Ohnmacht.»
Kambez Nuri
Gewaltberater beim Mannebüro Züri, Co-Leiter der neugegründeten Fachstelle «Oh Boy»

Oftmals würden Jugendliche die Erfahrung machen, dass dieses Verhalten «funktioniere», weil sie sich etwa mit Schlägen tatsächlich Gehör verschaffen können. «Dieser Nutzen drängt sich dann stark in den Vordergrund», erklärt er. Allenfalls sei man sich der kurzfristigen Konsequenzen – zum Beispiel Strafen – noch bewusst. «Jedoch macht sich keiner Gedanken über die langfristigen Konsequenzen und Risiken, die die Gewaltanwendung mit sich bringt.» Sei es die psychischen und physischen Folgen bei den Opfern oder die eigene emotionale Verkrüppelung.
In der Auseinandersetzung mit dem Thema männliche Gewalt begegnet Kambez Nuri in Fachkreisen oft dem Kulturalisierungsansatz, wonach Gewaltbereitschaft kulturell geprägt sei. Der Kulturbegriff werde dabei häufig verkürzt gedacht und auf Herkunft oder Religion reduziert. «Unser Ziel ist es, den Menschen zu sehen und uns nicht auf Stereotypen zu fokussieren. Wir wollen Gewalt in ihrer ganzen Komplexität verstehen und sie nicht nur aus kultureller Perspektive betrachten.»
Männlichkeit herstellen mit Gewalt
Dass grenzüberschreitendes Verhalten viele Faktoren haben kann, veranschaulicht das Beispiel des 13-jährigen Fahrhad. Er fällt in der Schule negativ auf, weil er Mitschülerinnen und Mitschüler provoziert, sexistische Sprüche macht, immer wieder unentschuldigt dem Unterricht fernbleibt und Alkohol konsumiert.
Fahrhads Eltern stammen aus Afghanistan, flüchteten aber schon in den 1990er-Jahren in den Iran, wo sie sich illegal aufhalten. Weil Fahrhads kleinere Schwester an einer Gehbehinderung leidet, tritt die Familie eine beschwerliche Reise nach Europa an, wo sie sich medizinische Hilfe für das Mädchen erhofft. Nach sieben Jahren auf der Flucht, kommen Fahrhad und seine Familie in der Schweiz an. Hier leben sie auf engstem Raum, sind durch ihren Status und die Geldknappheit stark in ihren Möglichkeiten eingeschränkt und erleben immer wieder Rassismus und Ausgrenzung.
Für Kambez Nuri greift es zu kurz, Fahrhads Verhalten nur mit der Fluchterfahrung oder seiner Herkunft zu erklären. Vielmehr gelte es, auch seine derzeitigen Lebensumstände zu analysieren: das Wohnen in beengten Verhältnissen, die finanzielle und gesellschaftliche Benachteiligung bei gleichzeitiger Erwartung, sich gut zu integrieren.
«Sexismus, Gewalt und Provokation sind oft Ausdruck von Anerkennungsarbeit und entsprechen nicht der kulturellen Wertehaltung», sagt Nuri. Dies treffe auch im Fall Fahrhads zu. Er wolle mit seinem Verhalten Männlichkeit und Teilhabe aushandeln.
In der Beratung spielen für Kambez Nuri deshalb auch genderrelevante Faktoren und die Reflexion von Männlichkeitsbildern eine wichtige Rolle. «Interessant ist, dass viele junge Männer Gewalt anwenden, weil sie versuchen, Männlichkeit herzustellen», erklärt er. «Egal ob ein Jugendlicher mit Fluchterfahrung oder ein Schweizer Gymischüler.» Dieses «männliche Verhalten» sei oft eine Strategie zur Kompensation von Unsicherheit, Scham und Ohnmacht.
Verstehen statt bewerten
Was kann nun aber die Schule – ob Lehrpersonen, Schulsozialarbeitende oder Schulsozialpädagoginnen und -pädagogen – tun, um besser auf die Bedürfnisse von Jungs einzugehen und sie darin zu bestärken, sich in ihrem Umfeld besser verstehbar zu machen? Darüber diskutierten Fachpersonen anlässlich des Community-Anlasses Schulsozialarbeit. Ein wichtiges Fazit lautete, sich besser mit deren Lebenswelt auseinanderzusetzen, niederschwellig für sie erreichbar zu sein und ihnen mit dem Grundsatz «verstehen statt bewerten» zu begegnen.

Bei seinen Klienten stellt Kambez Nuri jeweils eine grosse Gemeinsamkeit fest: Fast alle melden zurück, dass sie in seiner Beratung das erste Mal einen Raum zum Reden bekommen hätten. Lehrpersonen und Schulsozialarbeitenden möchte er deshalb mit auf den Weg geben, Kindern und Jugendlichen aktiv zuzuhören und ihre Haltung diesen gegenüber immer wieder zu reflektieren. Er erinnert daran, dass Schule und Schulsozialarbeit durch ihre Deutungshoheit über «angemessenes Verhalten» auch Teil problematischer Dynamiken sein können: zum Beispiel, indem Jungs mit Diagnosen oder Stigmas behaftet und institutionell ausgeschlossen würden. Das Bewusstsein über diese Rolle eröffne die Chance, Kinder weniger zu kategorisieren und ihnen mehr echte Gesprächsräume zu bieten.
ADHS-Diagnose ist bei Jungs drei Mal häufiger
Bei unkonzentriertem und unruhigem Verhalten fällt der Verdacht oft auf die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS, die häufig medikamentös behandelt wird. «Jungs erhalten diese Diagnose rund drei Mal häufiger als Mädchen», sagt Martina Good. In ihrer Berufspraxis bekommt sie immer wieder mit, dass die medikamentöse Behandlung von ADHS die erwachsenen Bezugspersonen im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern entlastet. «Nimmt ein Kind Medikamente gegen ADHS, macht es das den Lehrpersonen zweifelsfrei leichter.» Aber die Sichtweise, ein besonders lebhaftes Verhalten als medizinisches Problem einzustufen, könne kritisiert werden. Dies, zumal die Kategorisierung nicht nur auf der Grundlage neuro-biologischer Faktoren erfolge, sondern sehr stark auch auf normativer Ebene. Ein Verhalten, das nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, wird pathologisiert, erwünschtes Verhalten als normal gesehen. Rob Whitley, Professor für Psychiatrie an der McGill University und Forscher am Douglas Research Centre in Montreal (Kanada), setzt sich in seinem Buch «Männerthemen und psychische Gesundheit von Männern» kritisch mit der Thematik auseinander. Er stellt unter anderem die Frage in den Raum, ob eine «Medikalisierung der Knabenzeit» besteht, bei der energiegeladene Jungen zu Unrecht als beeinträchtigt umetikettiert werden, wovon möglicherweise verschiedene Interessensgruppen profitieren.
CAS Schulsozialarbeit
Die Schulsozialarbeit bietet eine niederschwellige und beziehungsorientierte Anlaufstelle im schulischen Alltag. Eine Tätigkeit in diesem komplexen Handlungsfeld der Sozialen Arbeit setzt spezifisches Wissen und Können voraus. Der CAS Schulsozialarbeit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule vermittelt entlang der Kinderrechtskonvention professionelle Kompetenzen und fördert die Kooperation zwischen Berufseinsteigenden und schulischen, schulnahen sowie familienergänzenden Fachstellen.
CAS Schulsozialpädagogik
Immer mehr Schulen stellen neben Schulsozialarbeitenden auch Sozialpädagoginnen und -pädagogen ein. Wo die Schulsozialarbeit eher beratend und in der Fallführung tätig ist, begleitet die Schulsozialpädagogik Kinder und Jugendliche im schulischen und schulergänzenden Alltag. Der CAS Schulsozialpädagogik vermittelt fundiertes Wissen, praktische Instrumente und unterstützende Methoden für die Arbeit in diesem jungen Berufsfeld.
