Beziehungen verändern sich – nicht, weil wir sie weniger wollen, sondern weil die Herausforderungen grösser geworden sind: Zu viele Erwartungen, Alltagsstress und fehlende gemeinsame Zeit. Maria Kapossy, Paartherapeutin und Dozentin im CAS Systemische Paartherapie und Paarberatung der OST – Ostschweizer Fachhochschule geht darauf ein, was die grössten Fehler in Beziehungen sind, wie wir einander nicht aus den Augen verlieren und was das Erfolgsrezept für eine langfristig funktionierende Beziehung ist.
«Paare werfen viel schneller das Handtuch.», «Wir werden konfliktscheu und stellen uns den Problemen nicht.», «Wir haben den Glauben an die Liebe verloren.» Solche Aussagen sind in der heutigen Zeit allgegenwärtig. Doch stimmt das wirklich? Maria Kapossy, Psychologin und seit gut zwanzig Jahren Paartherapeutin hat in den letzten Jahren keine grossen Veränderungen in Bezug auf Beziehungen feststellen können. Auch das Vorurteil, dass die jüngere Generation weniger gewillt ist, an Beziehungen zu arbeiten, kann sie in ihrem Praxisalltag widerlegen. «Auch junge Paare kommen zu mir in die Therapie und sind bereit, an ihrer Beziehung zu arbeiten», sagt Kapossy.
Eine Veränderung ist hingegen bei der älteren Generation zu beobachten. «Seit Jahren lässt sich feststellen, dass sich immer mehr ältere Paare, auch solche im Pensionsalter, trennen», sagt die Therapeutin. Eine grosse Rolle spielt dabei, dass Frauen heute unabhängiger sind. Eine Trennung wiegt finanziell und gesellschaftlich weit weniger schwer als früher. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb die Trennungen im höheren Alter in 60 Prozent der Fälle von Frauen ausgehen.
Der Wandel in Beziehungen und die Rolle der Kommunikation
Man hört es überall: Eine gute Kommunikation ist der Schlüssel zu einer glücklichen Beziehung. Doch wie genau beeinflusst Kommunikation unsere Beziehungen und worauf sollten wir achten? Maria Kapossy sagt: «Viele Paare denken, sie könnten ein paar Kommunikationsregeln festlegen und dann wäre das Problem gelöst.» Tatsächlich sei die Sache mit der Kommunikation jedoch etwas komplexer. Oft entstehen Probleme oder Missverständnisse in einer Beziehung nicht durch eine falsche Kommunikation, sondern durch das Fehlen derer.
Paarbeziehungen entwickeln sich stetig weiter. Die Personen verändern sich, entfalten ein anderes Verständnis dafür, was sie brauchen und was ihnen wichtig ist. «Daher ist es unerlässlich, dass Paare die Kommunikation aufrechterhalten, sich immer wieder zusammensetzen, abgleichen und klären, wo sie als Einzelperson und in der Beziehung stehen», sagt die Therapeutin. «Oft merken Paare, dass für sie etwas nicht mehr stimmt. Ihre erste Reaktion ist dann, zurückzugehen und alles wieder so zu machen, wie es war, als es noch stimmte», sagt Maria Kapossy. «Es ist wichtig, zu akzeptieren, dass sich eine Beziehung verändert. Die Offenheit und das Interesse aneinander nicht zu verlieren, das ist zentral.»
Erwartungen, die wir an unsere Beziehungen haben
«Jeder Mensch hat begrenzte Ressourcen und Möglichkeiten. Es ist zu viel verlangt, dass die Partnerin oder der Partner für das eigene Glück verantwortlich ist.»
Maria Kapossy
Paartherapeutin und Dozentin CAS Systemische Paartherapie und Paarberatung

Neben der Kommunikation spielt auch die eigene Erwartungshaltung eine wichtige Rolle für das Gelingen einer Beziehung. Wenn jemand der Meinung ist, die Partnerin oder der Partner müsse alle eigenen Wünsche erfüllen und sei für alle ihre Bedürfnisse zuständig, produziert diese Erwartungshaltung einen enormen Druck. «Jeder Mensch hat begrenzte Ressourcen und Möglichkeiten. Es ist zu viel verlangt, dass die Partnerin oder der Partner für das eigene Glück verantwortlich ist», meint Kapossy.
Maria Kapossy sagt, dass das Beste, was man für sich und seine Beziehung tun könne, sei, sich selbst zu fragen, was man brauche und was einem guttut. Sich selbst besser kennenzulernen sei der erste Schritt, um herauszufinden, wie man die eigenen Bedürfnisse kommuniziere. Auch bei Paaren, die viel miteinander sprechen, gibt es ein Thema, das von vielen vermieden wird: Die Zukunftsgestaltung. «Es könnten sehr viele Konflikte bereits im Voraus entschärft werden, wenn offen darüber gesprochen wird, was man sich für die Zukunft wünscht und welche Vorstellungen man hat», sagt Kapossy. Das Thema Zukunft kann Angst machen und birgt eine gewisse Hemmschwelle. Denn wer möchte schon im Hier und Jetzt über mögliche Konflikte der Zukunft sprechen? «Vermeidung ist hier für viele die Lösung. Doch es ist wichtig, über die Zukunft und die damit verknüpften Vorstellungen zu sprechen. Dies betrifft Themen vom Kinderkriegen bis hin zum Leben nach der Pensionierung. Wenn wir diese Themen frühzeitig ansprechen, können wir vielen späteren Konflikten vorbeugen und gemeinsame Wege finden», sagt die Therapeutin.
Hinter jedem Vorwurf verbirgt sich ein Wunsch
Wenn eine Konfliktsituation eskaliert und es zu Streit kommt, ist es schwierig, den Überblick zu behalten. In solchen Situationen ist es ratsam, sich etwas Luft zu verschaffen und Abstand zu gewinnen. Wenn sich die Situation wieder beruhigt hat, sollte noch einmal darüber gesprochen werden. «Es ist wichtig, sich hinzusetzen und zu fragen: Was war los bei mir? Was war los bei dir? Wo hat der Konflikt begonnen?», sagt Maria Kapossy.
In der Psychologie ist im Zusammenhang mit Konflikten oft von der VW-Regel die Rede. Diese besagt, dass sich hinter jedem Vorwurf ein Wunsch verbirgt. In einer Situation, in der die Emotionen schnell hochkochen, ist es jedoch schwierig, die zugrunde liegenden Bedürfnisse zu erkennen. «Ein späteres Zusammensitzen und darüber Sprechen kann hier sehr klärend sein», sagt die Therapeutin. Maria Kapossy sagt, dass es in einer Beziehung nicht darum gehe, konfliktfrei zu sein. Stattdessen gehe es darum, aus erlebten Konfliktsituationen zu lernen. Wichtig sei auch, ein Verständnis für die andere Person zu entwickeln und gemeinsam Werkzeuge zu erarbeiten, die bei künftigen Konflikten helfen, diese besser zu lösen. «So können wir unsere Partnerin oder unseren Partner besser kennenlernen und verstehen, weshalb sie oder er sich in gewissen Situationen so verhält, wie sie sich verhält», sagt Kapossy. „So erkennt mit der Zeit beispielsweise eine Frau, dass ihr Mann nicht versucht, sie zu bestrafen, wenn er körperlichen oder emotionalen Abstand sucht, sondern dass er sich überfordert fühlt und Ruhe benötigt. Ebenso versteht der Mann, dass das Nörgeln seiner Frau nicht als Kritik an seiner Person gemeint ist, sondern Ausdruck von Stress und Verunsicherung ist. Dieses Wissen führt zu deutlich mehr gegenseitigem Verständnis und Stabilität in der Beziehung.“
Wieder mehr beim Wir sein
Ein wichtiger Faktor für eine langfristige und glückliche Beziehung ist, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen. «Ich empfehle meinen Klientinnen und Klienten immer, gemeinsam Aktivitäten zu planen und sich Momente zu schaffen, in denen sie nur für sich sind.»
Für gemeinsame Zeit zu zweit brauche es keine grossen Pläne, neue Ideen oder viel Aufwand. Es reiche schon, sich hinzusetzen, und über- und miteinander zu reden. So kann die gemeinsame Basis aufrechterhalten und gestärkt werden.
«Für mich ist eine Form von Freundschaft einer der grössten Erfolgsfaktoren in einer Beziehung: das Vertrauen ineinander, der gegenseitige Respekt und das Wissen, sich auf die andere Person verlassen zu können», sagt Maria Kapossy.
CAS Systemische Paartherapie und Paarberatung
Um Paare in herausfordernden Beziehungssituationen professionell zu begleiten, sind spezifische fachliche Kompetenzen, methodische Sicherheit und eine professionelle Haltung unerlässlich. Im CAS Systemische Paartherapie und Paarberatung werden fundierte theoretische und praxisnahe Kenntnisse im Bereich systemischer Interventionen vermittelt. Partnerschaftliche Dynamiken können besser verstanden, Konflikte lösungsorientiert bearbeitet und Veränderungsprozesse nachhaltig angestossen werden.
