Sichtbar machen, was hinter verschlossenen Türen passiert

2. Juli 2026

Häusliche Gewalt hinterlässt mehr als körperliche und psychische Verletzungen. Viele Opfer kämpfen mit Schuld- und Schamgefühlen, zweifeln an sich selbst und holen sich deshalb oft erst spät Hilfe. Die Sozialarbeiterin Rebecca Schaad begleitet sie als Beraterin auf diesem Weg. Darüber hinaus hat sie dieses Jahr den Podcast «Gewaltfrei» mitinitiiert. Er soll Betroffenen Mut machen und gleichzeitig gesellschaftliche Tabus brechen.

Zwei Sessel, dazwischen ein kleiner Tisch und viel Raum, um Ängste und Nöte zu platzieren: Hier, im Beratungszimmer von Rebecca Schaad, finden Gewaltbetroffene einen geschützten Ort, um über das zu sprechen, was ihnen – meist in den eigenen vier Wänden – widerfährt. Die einen erdulden Schläge, andere werden systematisch erniedrigt und wieder andere erleben sexualisierte Gewalt. Meist kommen auch mehrere dieser Formen zusammen.

Häusliche Gewalt habe viele Gesichter, erklärt Rebecca Schaad: sie könne körperlich, psychisch, sexuell, aber auch ökonomisch sein. «Ökonomische Gewalt liegt zum Beispiel dann vor, wenn eine Frau arbeiten geht, den Lohn aber ihrem Mann abgeben muss und nicht selbst darüber verfügen darf.» Die grosse Mehrheit der Ratsuchenden sind Frauen oder weiblich gelesene Personen.


Seit drei Jahren arbeitet Rebecca Schaad bei der Opferberatungsstelle fiera in Winterthur. Den Einstieg ins Berufsfeld fand die Sozialarbeiterin über ein Praktikum in der Suchttherapie. Es folgten Stationen in der Kinder- und Jugendarbeit sowie im Bereich psychische Gesundheit. Trotz unterschiedlicher Arbeitsfelder begegnete ihr ein Thema immer wieder: Häusliche Gewalt. Bei der Opferberatungsstelle fiera ist Rebecca Schaad Teil des mehrköpfigen Leitungsteams. Mit dem CAS Leadership und Führung im Sozial- und Gesundheitswesen an der OST – Ostschweizer Fachhochschule hat sie sich zusätzliche Kompetenzen für diese Aufgabe angeeignet. Davon profitiert auch ihr jüngstes Projekt: der Podcast «Gewaltfrei», den sie gemeinsam mit ihrer Berufskollegin Gosalya Iyadurai lanciert hat.

Opfer trauen ihrer Wahrnehmung nicht mehr

Obwohl jedes Schicksal individuell sei, hätten die Betroffenen etwas gemeinsam: «Die meisten geben sich selbst die Schuld für das Erlebte und empfinden eine grosse Scham.» Dieses Gefühl entstehe nicht zufällig, sondern oft auch durch gezielte Strategien derjenigen, die Gewalt anwenden. Besonders oft beobachtet Rebecca Schaad das sogenannte Gaslighting. «Die Täter reden dabei ihren Opfern permanent ein, sie seien zu sensibel, sie seien psychisch krank und würden alles übertreiben. Dadurch trauen Gewaltbetroffene irgendwann ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr.» Eindrücklich zeigte sich ihr das am Beispiel einer Frau, deren Mann grosse Summen Geld verspielte. Obwohl die Frau den Beweis schwarz auf weiss auf einer Quittung sah, zweifelte sie zuerst an sich.

«Wichtig ist, dass Betroffene merken, dass ihnen jemand glaubt.»

Rebecca Schaad

Die Unterstützung der Opferberatungsstelle umfasst zahlreiche Aspekte. Rebecca Schaad informiert ihr Gegenüber jeweils über mögliche rechtliche Schritte, erklärt den Ablauf von Straf- oder Zivilverfahren, zeigt Therapieangebote auf bietet Hilfe bei Schutzmassnahmen – etwa, wenn die Person an Leib und Leben gefährdet ist, so dass sie in einem Frauenhaus untergebracht werden muss oder unterstützt bei Anträgen an die kantonale Opferhilfe für die Kostenübernahme beispielsweise von Therapien. Neben all dem sei aber auch die psychosoziale Beratung enorm wichtig, sagt Rebecca Schaad. «Wichtig ist, dass Betroffene merken, dass ihnen jemand glaubt.»

Immer wieder kommt es vor, dass die Opfer trotzdem in gewalttätige Beziehungen zurückkehren. Was von aussen betrachtet, unverständlich erscheine, habe für die Betroffenen oft «gute Gründe», sagt Rebecca Schaad. Zum Beispiel die gemeinsamen Kinder, die die Mutter nicht ohne Vater aufwachsen sehen will, finanzielle Abhängigkeiten, migrationsrechtliche Aspekte, starke emotionale Bindungen oder familiärer wie auch gesellschaftlicher Druck.

Gewaltprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Was Rebecca Schaad manchmal frustriert, ist der gesellschaftliche Umgang mit Gewaltbetroffenen. «Noch immer müssen insbesondere Frauen darum kämpfen, dass ihnen geglaubt wird.» Gleichzeitig hätten die Täter oft keine Konsequenzen zu befürchten. Sei es, weil die Opfer von einer Anzeige absehen, weil sie ihre Ruhe haben wollen, um sich keine zusätzliche Bürde aufzulasten oder weil Übergriffe in Partnerschaften schwer nachzuweisen seien.

Trotz allem sieht die Beraterin immer wieder Lichtblicke am Horizont. Als Beispiel nennt sie das Gewaltschutzgesetz im Kanton Zürich, das Opfern häuslicher Gewalt einen niederschwelligen Zugang zu Beratung ermöglicht. Nun sei es wichtig, eine solche Lösung auch auf nationaler Ebene umzusetzen, sagt Rebecca Schaad. «Denn bis heute ist es abhängig vom Wohnort, ob und welche Unterstützung Gewaltbetroffene erhalten.» Hoffnung macht ihr die seit Mai aktive Opferhilfe-Hotline 142, die schweizweit Hilfe vermittelt.

Rebecca Schaad sieht Gewaltprävention auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das bedeute, hinzusehen und Haltung zu zeigen, wenn etwas nicht in Ordnung sei. «Man kann zum Beispiel seinem Kollegen klarmachen, dass seine sexistischen Sprüche inakzeptabel sind oder der Kollegin Hilfe anbieten, wenn sie von ihrem Partner schlecht behandelt wird.»

Podcast soll Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind

Vor Kurzem hat Rebecca Schaad zusammen mit Gosalya Iyadurai, die ebenfalls in der Opferberatung tätig ist, den Podcast «Gewaltfrei» gegründet. Das Ziel: Häusliche Gewalt enttabuisieren und Betroffenen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht allein sind. «Wir wollen sie auch ermutigen, sich Hilfe zu holen», sagt Rebecca Schaad.

Vor dem Hintergrund, dass viele Opfer an sich zweifeln und die Schuld zunächst bei sich selbst suchen, ist eine Botschaft besonders zentral: Die Verantwortung liegt nie bei denen, die Gewalt erfahren, sondern bei denen, die sie ausüben.